Wir   -   Kontakt    EnglishItalianoPortuguesEspañol

RSS Friendensprozess 

Hier finden Sie die neuesten Nachrichten aus dem Friedensprozess direkt aus Havanna, Kuba. Dauerhaft aktualisiert.

Die juristische Inszenierung gegen Jesús Santrich

1
0
1
s2smodern
powered by social2s
Seit mehreren Wochen wird der ehemalige FARC-Kommandant Jesús Santrich wegen angeblicher Beteiligung an Drogengeschäften im Gefängnis festgehalten. Über ihm schwebt ein Auslieferungsantrag an die USA. Was jedoch viel schlimmer ist, über ihm und der FARC als politische Organisation schwebt ebenso die juristische Unsicherheit der ehemaligen Kämpferinnen und Kämpfer im Prozess der Wiedereingliederung in das zivile Leben.

In den vergangenen Tagen wurde nun bekannt, was sich schon andeutete. Das mutmaßliche Netzwerk von Drogenhändlern, auf die Jesús Santrich traf, wurde von der DEA, der US-amerikanischen Anti-Drogen-Behörde, mit Täuschung aufgebaut. Undercover-Agenten gaben sich als Unterhändler des mexikanischen Sinaloa-Kartells aus und kontaktierten die kolumbianischen Unternehmer Armando Gómez und Fabio Younes, später dann Marlon Marín Marín (ein Neffe von Iván Márquez, sowie schließlich Jesus Santrich.

Das angebliche Netzwerk der mexikanischen Drogenhändler ist also falsch. Das Verfahren ist nicht neu. In den Vereinigten Staaten ist es bekannt „Fallen zu stellen“, um Menschen dazu zu bringen, ein Verbrechen zu begehen, um bestimmte Tatsachen zu dokumentieren und sie dann festzunehmen, zu diskreditieren und zu verurteilen. Bekannt wurde nun auch, dass die infiltrierten Agenten mit falschen Dollar-Noten in Florida den ersten Teil des Geschäfts bezahlt hätten, um zehn Tonnen Kokain aus Kolumbien zu bekommen.

Diese „Fakten“ sind in der 244-seitigen Akte enthalten, die an die kolumbianischen Behörden geschickt wurde, um den ehemaligen Guerillakommandanten zur Auslieferung zu zwingen. So zum Beispiel auch ein Video von einem Treffen. Die ersten Treffen begannen bereits im Juni 2017. Die Übergabe der falschen Dollar-Noten im Voraus des Deals wurde am 13. Februar dieses Jahr vollzogen. Dafür sollten dann die Tausenden Kilos Kokain, unter anderem in die USA, geliefert werden. Im vergangenen Februar hatte der ehemalige und mittlerweile fast erblindete Chef der FARC die infiltrierten DEA-Agenten in seinem Haus empfangen. Dabei wurde dann gefilmt.

Das gleiche Verfahren wurde von den Agenten auch gegen den ehemaligen Verhandlungsführer Iván Márquez angestrengt. Sein Neffe versuchte zweimal, ihn mit „angeblichen Investoren“ zu kontaktieren, die sich für Fischzuchtprojekte interessierten. Man darf nicht vergessen, dass die FARC, weil die Regierung den Vereinbarungen nur schleppend oder gar nicht nachkam, immer auf der Suche nach Personen und Organisationen waren, die ihnen bei der Umsetzung von produktiven Projekten im Rahmen der Wiedereingliederung unterstützen sollten. Nur jener Márquez lehnte diese Kommunikation mit dem unbekannten Gesprächspartner abgelehnt, er vermutete bereits Agenten oder ein getürktes Spiel.

Der vermeintliche Export von Kokain in einem Flugzeug, das Bogotá mit dem Ziel nach Norden verlassen sollte, kam nie zustande. Im Falle von Santrich ist es ein Verbrechen, das noch nicht einmal begangen wurde. Die Inszenierung mit Santrich soll den USA aber bereits ausreichen, um ihn auszuliefern und anzuklagen. Gustavo Gallardo, der Anwalt von Santrich, sagte, dass es in diesem Fall keine gerichtlichen Ermittlungen in Kolumbien gibt. „Die Staatsanwaltschaft hat keine ernsthafte Untersuchung. Es gibt keinen Prozess gegen ihn und daher begannen wir aufzuzeigen, dass dies eine Inszenierung ist und dass diese Beweise tatsächlich eine probatorische Sammlung sind, die völlig lügnerisch, illegal und dekontextualisiert sind“, sagte er.

In Ermangelung einer gerichtlichen Untersuchung und des falschen Spiels gegen Santrich, gebe es also keine schlüssigen Beweise, so der Anwalt. Deshalb bestehen er und die FARC darauf, dass die USA die Beweise in Kolumbien offenlegen, um die Verteidigung übernehmen zu können. Denn einige Dinge in diesem Fall sind immer noch unklar und erst nach und nach geraten die Puzzlestücke der Inszenierung an das Tageslicht.

Zuerst einmal muss sich jedoch die Sondergerichtsbarkeit für den Frieden (JEP) in Kolumbien, das extra ein beräumtes Gericht zur Aufarbeitung der Straftaten im bewaffneten Konflikt, diesem Fall annehmen, und nicht etwa ein normales Strafgericht. Immerhin handelt es sich bei Jesús Santrich um einen ehemaligen Kommandanten der FARC. Bis dahin wird weitergekämpft werden, für die Freilassung von Santrich und aller anderen politischen Gefangenen, aber auch gegen die Delegitimierung der FARC als neue politische Kraft in Kolumbien.
1
0
1
s2smodern